Mythen zeitgenőssischer Politik
Von Otto Habsburg
In der Flut der Kommentare zum ersten
Gange der franzésischen Prasidentenwah¬
len scheinen einige elementare Punkte zu¬
gunsten hochgestochener politischer Gedan¬
kenfliige vergessen’ worden sein.
So war eines der ersten Opfer des Er¬
eignisses der Mythus des Fernsehens. Die
Technokraten der Politik glaubten, daB
nunmehr der Kandidat keine Versammlun¬
gen mehr brauche, da zu diesen doch nur
die Ueberzeugten’ kommen. Man miisse
also nur eine telegene Person finden und
diese im giinstigsten Licht wie einen Man¬
nequin der Zahncreme-Inserate vorstellen.
Das war, im Jahr 1965, die angebliche
Wunderwaffe des. Christlichen Demokra¬
ten. Jean Lecanuet, mit den fiir ihn trauri¬
gen Ergebnissen, an die man sich noch er¬
-innert. Keineswegs entmutigt erklarten nun
die ‘selbsternannten Sachverstandigen, -der
Erfolg de Gaulles ware auf seine durch¬
schlagende Wirkung am Fernsehschirm zu¬
rickzufiihren. Man-vergaB dariiber, daB der
-General in den Jahren vor der Wahl. syste¬
matisch alle Provinzen persdnlich bereist
hatte. : : A
Diesmal führte Herr Pompidou einen
Wahlkampf, in dem die Versammlung das
Wichtigste, das. Fernsehen aber nur als
“Flilfswaffe betrachtet wurde. Das Ergebnis
-war beeindruckend. Ueberall dort, wo der
Kandidat persénlich erschienen war, lag
sein Durchschnitt über seinem traditionel¬
len oder nationalen Hundertsatz, Herr Po¬
her hat das)auch indirekt eingestanden, in¬
dem er sich gezwungen sah, seinen Plan
für den zweiten Wahlgang grundlegend zu
‘andern. Nea
Im amerikanischen Wahlkampf vergan¬
-genen November hatte der dritte Kandidat,
-der gewesene Gouverneur George Wallace,
mit Abstand seine besten Ergebnisse in
‘jenen Mittelstadten, die er allein besucht
‘hatte.
Dazu kommt die Fehlleistung der Mei¬
nungsforscher. Die Haupttatigkeit der In¬
, Stitute besteht jiingst darin, nach jeder
Wahl zu erklaéren, warum die Ergebnisse
, anders sind als ihre Vorhersagen. Als Stan¬
dard-Grund wird ein plötzlicher _Um¬
schwung der 6ffentlichen Meinung ange¬
führt.
Ein typischer Fall war der ,Erfolg" des
kommunistischen Kandidaten in Frankreich.
Jeder wird zugeben, daB Herr Jacques
Duclos einen geschickten Wahlkampf ge¬
führt hat. Aber niemand diirfte naiv genug
sein, wirklich zu glauben, es sei ihm in
einigen Tagen intensiver Arbeit gelungen,
die Zahl seiner Anhanger zu verdoppeln.
Auch Herr Poher diirfte kaum in der glei¬
chen Zeit mehr als ein Drittel seiner
Freunde eingebiiBt haben. Anstatt der Fan¬
tasie-Hundertsatze ist man namlich einfach
zu jenen Ergebnissen gekommen, die man
mit ein biBchen Hausverstand hatte vor¬
hersagen kénnen. Denn in Wirklichkeit hat
Herr Duclos nur wieder seine alten Anhan¬
ger gefunden, Herr Pompidou die Gaulli¬
sten und die Jugend und Herr Poher die
Veteranen der Dritten und Vierten Repu¬
blik.
Diese Irrtümer der Meinungsforschung
sind keineswegs auf Frankreich beschrankt.
Wir erlebten sie bei den lokalen Wahlen
in Oesterreich — insbesondere Salzburg
und. Wien — und auch bei den Gemeinde¬
wahlen in Los Angeles, Immerhin ist es
eigenartig festzustellen, daB die ,,Irrtiimer"
immer nur die Machthaber, das _,,Establish¬
ment", begiinstigen, seien es nun die bei¬
den. GroBparteien in Oesterreich, der linke
Fliigel der Demokraten in Amerika’ oder
Frankreichs interimistischer Prasident, Herr
Poher.
Es. ist daher nicht ganz abwegig, wenn
so manche fordern, daB dieses amiisante
Spiel. wahrend der Wahlkémpfe unterbro¬
chen werde, da diese immerhin ernster sind
, als das Toto. Denn die Vorhersagen erin¬
I nern doch etwas an jene der ,Haruspices"
im alten Rom, die die Zukunft ganz wis- |
senschaftlich aus den Eingeweiden der
Hiihner lasen. Auch sie haben sich nicht
immer geirrt und zogen es vor, meist nur
auf ihre Erfolge zu verweisen. Denn sogar
die stillstehende Uhr zeigt zweimal taglich
die richtige Zeit an.
Der Riickgang der Bedeutung des Fern-’
sehens’ und die zweifelhaften Ergebnisse
der Meinungsforscher Wweisen auf eine
grundlegende, nur zu: oft .vergessene poli¬
tische Tatsache hin: .trotz aller technischen
Fortschritte ist der Mensch noch nicht zur
Maschine geworden. :